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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 61

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[162] Das LXI. Capitel.

Die Monodie ist eine Ursache der geringeren Wirkung der heutigen Musik, in Vergleichung derjenigen der alten Zeiten.

Die gegenwärtig fast allgemeine monodische Setz-Art, entfernet also die Musik von ihrem wahren Gegenstande; sie lässet die blos sinnliche Lust der Ohren, und folglich das, was nur ein Mittel zu dem Endzweck seyn solte, ihren vornehmsten Zweck seyn. Darf man sich nach dem wohl wundern, wenn fast alle diejenigen, so nur von der Musik geschrieben haben, mit Verwerfung der neueren Musik, nur diejenige der älteren Zeiten empfohlen haben? Quotquot soripserunt de musica, semper, recentiori rejecta, actiq[u]am commendarunt. Bona, de div. Psalm. Darf man sich wohl wundern, wenn die heutige Musik von geringerer Wirckung ist, als nicht die Musik der Alten war? La musique moderne n’a rien des effets de l’antique. Dubos.

Die Alten liebten und suchten einen einfältigen, und so zu reden, einen keuschen Uebereinklang, der durch seine Ernsthaftigkeit, Kraft und Nachdruck nicht nur das Ohr, sondern insbesondere das Hertz einn[ä]hme. Die Egyptier liebten nach Platos Bericht, keine andere Lieder, als nur solche, die die Ernsthaftigkeit und die Liebe zur Unschuld und Einfalt erregten. Qui [163] droits& graves portoient naturellement à la droiture & à la gravité. Hist. de la mus.

»Heute zu Tage[«], spricht ein Musik-Erfahrner, [»]lieben wir, ich weiß nicht, was für Kleinigkeiten, allerhand Verkleinerungen und Einschrenckungen der Harmonie. Und die Figuren, Manieren, und Coloraturen, so stumpf und matt, so kraftlos sie, in Absicht auf die dadurch zu erlangende Wirkung sind, erlangen den Beyfall des grösten Haufens. Jetzt, sagt ein anderer, will man nur die Ohren kützeln: und in der That weis man auch nichts mehr zu thun, indem man sich blos darum bemühet, und sich nicht sowohl um den bessernden Theil, den Theil, der sich der Hertzen durch die Leidenschaften bemeistert, auf einige Weise bekümmert, als vielmehr die bloße Ausübung derselben, ohne die rechte Wissenschaft der Harmonie, auferwecket hat. Wenn man ja noch einen verständigen Meister hat, wie ich einen von dieser Art kenne, welcher die Musik mit dem Affecte, der in den Versen enthalten ist, wohl zu vereinigen weiß, so wird meistentheils seine Arbeit, sowohl als der Endzweck des Poeten, von den Sängern aus den Augen gesetzt. Wenige unter ihnen, sehen die Stärcke der Worte ein: und noch seltner sind diejenigen, die sie auszudrücken wissen. Alle ihre Sorgfalt wenden sie auf die Kunst zu singen: aber auf die Kunst, den Nachdruck der Worte wohl auszudrücken, welche von derselben gantz unterschieden ist, und die so sehr erfodert wird, um die Sachen und Affecten wohl vorzustellen, leget sich niemand.[«] Ich hoffe aber daß, wenn man das, was ich bisher gesagt, erwogen, man ohnschwer entdecken werde, wie alle diese Unschicklichkeiten, aus der monodischen Setz-Art, wie aus einer Quelle, gantz natürlich fließen, und daß denenselben nicht eher, und nicht füglicher abgeholfen werden könne, als wenn man nicht nur der Anweisung der Natur zu folge, die Folgen der Töne dem Uebereinklange unterwirft, sondern auch diesen selbst, auf eine fortgesetzte, und denen vorzustellenden Sachen ähnliche Weise, also vorher bestimmt, verfolget und ausbildet, daß dadurch nicht nur das Gehör mit Klängen angefüllet, sondern auch dem Verstande so antheilhafte Gegenstände dargestellet werden, welche das Hertze mit in das Spiel ziehen, und selbiges auf eine, denen Umständen gemäße Art, rühren und bewegen. Mit einem Worte, wenn man sich der Vollkommenheit der Melodie, als der allein wahren und natürlichen Setz-Art zu näheren bedacht ist. Allein wie, und auf was Art und Weise, und durch was für Mittel, wird man fragen, nähert man sich denn der Melodie, nachdem die Monodie, durch die Länge der Zeit, und eine vieljährige Gewohnheit, uns schon zur andern Natur geworden ist? Ich bin bisher schon zu frey und zu offenhertzig zu Wercke gegangen, um mich anjetzt, bey dem Beschluß meiner Abhandlung, [164] von einer furchtsamen Bescheidenheit abhalten zu lassen, allhier einen kleinen Versuch zu wagen, noch einige allgemeine Anmerkungen über die Art und Weise, wie man von der monodischen Setz-Art, in die melodische übergehen könne, allhier beyzubringen. So unvollkommen mir auch derselbe immer gerathen möchte, so wird er dennoch dereinst einem andern, der mehr Einsicht, und mehr Kräfte, als ich hat, dazu dienen können, in dieser Sache etwas vollkommeners zu liefern.

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