Startseite » 18. Jh. » Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 62

Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 62

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[164] Das LXII. Capitel.

Allgemeine Anmerkungen über die Mittel die Monodie zu vermeiden.

Wir sind ordentlich oder harmonisch erbauete Geschöpfe, und werden nach dem größeren oder geringeren Maaß der Ordnung, so sich in denen uns dargestellten Gegenständen befindet, entweder mehr oder weniger zur Lust, oder mehr oder weniger zur Unlust beweget. Nichts ist unserer Natur so gemäß, und nichts stehet mit unseren Gemüths-Bewegungen in so genauer Verwandschaft, als der Klang und das Maaß, so in der Bewegung der Veränderungen desselben ist. Wir werden dadurch sowohl aufgebracht, als zufrieden gestellet.

Wie der aus der Vereinigung der allerbesten Verhältniße entstehende Accord oder Zusammenlaut, den Sinnen die allervollkommenste Ordnung der Töne, auf einmal darstellet, so verursacht er auch denselben die allerangenehmste Empfindung, und ist folglich zu der Erregung des höchsten Grades der Lust, am allergeschicktesten. Allein, da wir uns von Natur nach einer Veränderung sehnen, so bald wir die in den aus dargestelten Gegenständen befindliche größere oder geringere Ordnung begriffen haben; so kann auch selbst durch die unterschiedliche Ordnung, in der Folge der verschiedenen Uebereinstimmungen, die durch den natürlichen Accord erregte Lust vermehret, oder nach Beschaffenheit der Umstände, vermindert werden.

So wird zum Exempel durch die Uebertragung des natürlichen Accords, in dessen oben gelegene Quinte, als in das, dem Grund-Tone des vorhergegangenen Accords, am nächsten verwandte Intervall, die von dem natürlichen Accord verursachte angenehme Empfindung vermehret. Dagegen wird dieselbe vermindert, wenn man den zum Grunde gelegten Haupt-Accord, mit demjenigen der untergelegten Quinte, oder der oben gelegenen Quarte abwechselt. Denn dieses Intervall entspringt nicht unmittelbar aus dem Grund-Ton, sondern aus der Octav desselben.

[165] Ferner so wird die angenehm wirckende Kraft der zum Grunde gelegten ursprünglichen Zusammenstimmung, noch mehr geschwächet, wenn der Grund-Ton oder die Harmonie in die obengelegene Terzie tritt. Der herschende Klang, oder die Quinte des vorhergegangenen Accordes, wird durch diese neue Zusammenstimmung, zu einer Dißonanz gemacht, mithin wird die wohlklingende Kraft dieses an sich consonirenden Accordes, dessen Terzie und Quinte schon in den vorhergegangenen Accorde begriffen sind, dadurch gemindert. Noch mehr aber wächset die unangenehme Wirkung, wenn man aus dem natürlichen Accord, in den Accord der obengelegenen Terzie, oder der untengelegenen Sexte, übergehet. Denn obgleich bey dieser Zusammenstimmung, so, wie bey der vorhergehenden, schon zween Töne, in dem zum Grunde gelegten Haupt-Accord, nemlich der Grund- und Stamm-Ton, so, wie dessen Terzie, begriffen sind, so ist dennoch der herschende Klang, oder die Quinte dieses neuen Accords, dergestalt zuwider, da sie eine starcke Dißonanz, nemlich die große Septime, gegen denselben ausmacht, und mithin der durch den natürlichen Accord verursachten angenehmen Empfindung, mehr zuwiderstehen vermögend, als die vorigen Accorde.

Die durch den vollkommenen Accord verursachte angenehme Empfindung, kan durch den verschiedenen Fortgang der Harmonie, oder des Grund-Tones, sowol vermehret, als vermindert werden. Eben also kan auch die weniger angenehme Wirkung des zum Grunde gelegten minder vollkommenen Accordes, durch eben den unterschiedlichen Fortgang des Grund-Tones oder der Harmonie, auf verschiedene Weise, und in verschiedenen Graden, sowol erhöhet und vermehret, als vermindert werden.

Es wird, zum Exempel, die durch den Accord der kleineren Terzie, oder der kleineren Ton-Art verursachte minder angenehme Empfindung, vollkommener gemacht, wenn die Harmonie in die oben gelegene Sexte, oder in die unten gelegene Terzie fortschreitet. Die Ton-Art wird nicht nur geändert, indem sich eine unvollkommenere in eine vollkommenere verwandelt, sondern die in dieser Zusammenstimmung befindliche Quinte desselben, stehet mit denen, in der Zusammenstimmung des vorhergegangenen Accordes befindlichen Theilen, in einer so genauen Verwandschaft, daß die natürliche Kraft desselben dadurch nicht gehemmet wird, sondern noch immer dabey bestehen kan. Die minder angenehme Wirkung des Accords der kleineren Terzie wird noch mehr erhöhet, und noch um einen Grad vollkommener gemacht, wenn die Harmonie in die obengelegene Terzie, oder in die untengelegene Sexte fortschreitet, weil der herschende Klang, sich in diesem Fall, noch mehr von der zum Grunde gelegten Zusammenstim[166]mung unterscheidet, ohne, daß er deswegen aufhöret, mit dem Grund-Tone desselben in einem guten, und leicht in die Sinne fallenden Verhältnisse, zu stehen.

Hingegen wird die in einem geringeren Grade angenehm wirkende Kraft des Accordes der kleineren Terzie, noch mehr vermindert, wenn man aus der Zusammenstimmung desselben, in die Zusammenstimmung der obengelegenen Quinte, mit der kleineren Terzie übergehet, als wenn in die obengelegenen Quinte des Haupt-Tones fortgeschritten wird. Die unterschiedlichen Theile dieser verschiedenen Zusammenstimmungen, ins besondere aber der herschende Theil, oder die Quinte, stehet mit denenjenigen, der vorhergegangenen Zusammenstimmung, in einem ganz verschiedenen Verhältnisse, und haben eine mehr oder weniger vollkommene Beziehung auf einander.

Es ist mithin natürlich, daß sie uns zu unterschiedlichen Graden der Lust, oder der Unlust, bewegen.

Ob nun gleich das Verhältniß der einzelnen Töne nach einander von dem Verhältnisse, welches jeder Ton mit seinen ihm natürlichen Mitklängen zugleich hat, abhänget, oder, welches einerley, obgleich der Fortgang der einfachen Harmonie demjenigen der zusammengesetzten Harmonie, unterwürfig ist, und diesemnach dieser zuerst also in Ordnung zu bringen ist, wie es die besonderen Umstände erfodern, so wird deswegen doch nicht geleugnet, daß nicht bey einer fortdauernden Zusammenstimmung, der Fortgang einer jeden Stimme ins besondere, in besondere Erwegung gezogen werden müsse. Vielmehr ist ausser allem Streit, daß die unterschiedlichen Theile verschiedener, und zwar einer, und eben derselbigen Zusammenstimmungen, nachdem sie mehr, oder weniger, nach der von der Natur ihnen vorgeschriebenen Ordnung genutzet, und gebrauchet werden, auch ganz verschiedene Wirkung thun.

Diese Reihe ganz gewöhnlicher Accorde, thut, ob sie wol im Grunde immer dieselbige ist, dennoch nach der verschiedenen Lage, der von der Zusammenstimmung abhängigen Theile, eine in gewisser Maaße verschiedene Wirkung. Die unterschiedlichen Theile der verschiedenen Zusammenstimmungen liegen einmal mehr, als das andere mal, an dem, ihnen von der Natur angewiesenen Ort [u]nd Stelle, oder sie sind mehr, oder weniger, durch Zwang, irgend einer hervorragenden Stimme zu gute, an einen ganz anderen Ort versetzet worden. Num. 108. 109. 110.

[166] Desgleichen so erregen die Dißonanzen nach den verschiedenen Graden der Vollkommenheit, so in ihren unterschiedlichen Verhältnissen sich befinden, ein größeres, oder ein geringeres Misfallen. Sie sind gleichsam das harmonische Saltz und Gewürze, womit man dem, aus dem beständigen Gebrauch der blos consonirenden Accorde entstehenden Eckel geschickt vorbeugen, und den Appetit zu denselben auf das neue erregen kan, obwol ihre Kraft nicht für sich selbst bestehet, sondern nur als ein Zusatz, erst aus dem vollkommenen Accord erzeuget worden, und von demselben anzusehen sind.

Ein jeder dißonirender Accord, setzet einen consonirenden voraus, Kraft dessen er bestehet. Wir sind der Uebereinstimmung also gewohnet, daß wir dieselbe überall erwarten, wünschen und verlangen. Daher entstehet die Freiheit bey dem Accompagnement, oder der Begleitung mit dem Clavier, die Dißonanzen öfters gar weg zu lassen, wo nicht etwa der Affect, oder irgend ein besonderes Absehen des Setzers, die Gegenwart derselben unumgänglich erfodert.

Hinwiederum kan einer jeden Fortschreitung consonirender Accorde, nach Beschaffenheit der Umstände, ein oder mehrere dißonirende Klänge beygefüget werden, ohne daß deren consonirende Kraft aufhöre vorzüglich zu wirken. Die Natur führet uns so gar auf gewisse Dißonanzen, bey gewissen Fortschreitungen der Grundklänge. Wir gedencken, zum Beyspiel, vermöge der natürlichen Beystimmung der Töne, bey einem jeden Fortgang eines Grund-Tones in seine Ober-Quinte, wenn nemlich diese wiederum in den Haupt-Ton zurücke gehet, mit dem Accord der Quinte, zugleich die kleine Septime mit. Eben so wird die Sexte in dem Accord des Haupt-Tones nicht nur erträglich, sondern auch angenehm gemacht, wenn die Zusammenstimmung des Accordes der Quinte demselben vorhergehet, und wiederum auf denselben folget.

Die Wirkung der Dißonanzen, hängt annoch von dem Orte und Stelle ab, in welchem sie sich befinden. So thun sie zum Exempel eine stärckere Wirkung, wenn sie in den äussersten Stimmen hervorragen, eine geringere aber, wenn sie in den Mittel-Stimmen versteckt sind. Ja, das durch den fortwährenden Gebrauch der Dißonanzen verursachte Misvergnügen, komt auf das höchste, und treibet bis zur Wuth, wenn sie ohne vorhergegangene Vorbereitung, und gleichsam ex abrupto, gebrauchet werden. Das Gemüthe wird durch die empfundene Ungleichheit der widereinander-lauffenden Luft-Schläge, dergestalt in Aufstand gebracht, daß es endlich dem Misvergnügen weichen muß, und in eine Traurigkeit verfallet, welche bis zum äussersten getrieben wird, nachdem die an sich unangenehmen Zu[168]sammenstimmungen durch immer neue Folgen vermehret werden. Verschiedene Setzer haben sich dieses Vortheils zu dem Ausdruck der Schreckens, als des äussersten Misvergnügens, mit dem glücklichsten Erfolge bedienet. Telemanns Ixion, Händels Ouvertüre aus dem G moll, in der Opera Admetus; Grauns Symphonie in der Opera Phaeton welche den Furien zu einem Ballet dienet; Haßens Accompagnement in der Opera Titus zu dem Recitativ: che orror. che tradimento! bestätigen dieses ganz wunderbar, ohne daß es jemanden dieser Meister eingefallen wäre, den andern zu copiren.

Da das Zeit-Maaß, oder der Tact an sich, eine angeschaffene Kraft, uns zu gefallen hat, so wird die Kraft und der Nachdruck, der so angenehm, als widriglautenden Zusammenklänge, noch mehr dadurch erhöhet, und erhoben. Wir lieben, Kraft der uns eingepflanzten Liebe zur Ordnung, und zu guten Proportionen, diejenigen Gegenstände, worinnen ein gutes Verhältniß herschet, und dieser ordentlichen Abtheilung einer abgemessenen Zeit, in so viel absonderliche Theile verschiedener Harmonien, oder Uebereinstimmungen, ist es zuzuschreiben, wenn viel, sonst an sich unbestimmte harmonische Folgen, dennoch gefallen.

Es findet aber sowol in dem Zeit-Maaße überhaupt, als in der besonderen Abtheilung der unterschiedlichen Theile desselben, mehr, oder weniger Gleichheit oder Verschiedenheit statt; je nachdem irgend ein höherer, oder ein geringerer Grad des Vergnügens, oder des Misvergnügens auszudrucken ist. Der Ausdruck angenehmer und sanfter Regungen, leidet mehr Ordnung und Gleichförmigkeit. Die Schilderung stürmischer und aufgebrachter Leidenschaften aber, erfodert mehr Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit. Der Capellmeister Graun hat von jener gleichförmiger Art des Metri, in seinen Opern, und anderen Werken, schöne Beyspiele gegeben. Hasse hat sich in dieser letzteren Art, vor anderen hervor gethan, wie unter andern die Arie: Vo disperato a morte &c. Tu infedel non ai defese &c. aus dem Titus, bezeugen.

Die unterschiedlichen Eigenschaften der klingenden Körper, tragen annoch ein großes bey, um die Kraft des musikalischen Ausdruckes zu erheben, und zu verstärken. Der Klang einer metallenen Saite, ist nicht so rührend, als derjenige einer Darm-Saite. Derjenige, welcher durch die Kunst in todten Maschinen, wie zum Exempel, in Orgeln, hervorgebracht wird, hat nicht die Annehmlichkeit eines andern, der durch das Einhauchen eines lebendigen Athems, in irgend einen zum Klingen geschickt gemachten Körper, erzeuget wird. Keiner aber greifet uns mehr und stärker an, als der Ton [169] der Menschen-Stimme, als des Musters aller klingenden Werckzeuge. Die Klänge der unterschiedlichen Instrumente, rühren uns also um desto mehr, oder um desto weniger, je nach dem sie in einem mehr oder weniger genauen Verhältniß mit uns stehen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Musikwissenschaft Leipzig

Eine (Quellen)Texte-Sammlung des Zentrums für Musikwissenschaft Leipzig

CULTURAL HACKING

Urban Interventions

Open-Access-Netzwerk

Netzwerk von Open-Access-Repositorien

vifamusik

ViFaMusik-Blog

Centre for Musical Research

Bath Spa University

The WordPress.com Blog

The latest news on WordPress.com and the WordPress community.

%d Bloggern gefällt das: