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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 63

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[169] Das LXIII. Capitel.

Unterschiedliche Wirkungen so von der Anwendung dieser Mittel zu erwarten stehen.

Aus diesem wenigen erhellet, daß, wenn die Verbindung, so zwischen dem unterschiedlichen Verhältniße der Harmonie, desgleichen die Verbindung, so zwischen dem Maaße, so in deren Gang und Bewegung ist, mit unsern Gemüths-Bewegungen noch nicht bestimmet und entdecket ist, zum wenigsten die Unmöglichkeit der Sache, daran nicht schuld ist; und daß folglich eine, nach deutlichen Kenntnissen angestellete, fleißige Ausübung der Harmonie, und ihrer unterschiedlichen Kräfte, das einzige und sicherste Mittel sey, um sich der Vollkommenheit der allein wahren melodischen Setz-Kunst zu nähern. Es siehet folglich ein jeder, daß, wenn man sich auf diese Weise eine Fertigkeit zuwege gebracht hat, die unterschiedlichen Harmonien oder Zusammenstimmungen, mittelst der Original-Fortschreitungen, um einer gewissen Absicht willen, unmittelbar, mit und nebeneinander zu verbinden, daß, sage ich, bey dergleichen Verfahren, von selbsten wegfallen würde, erstlich: die blos einfache Ausdehnung der Harmonien. Die Melodie, und Monodie, als so viel verschiedene Haupt-Setz-Arten betrachtet, unterscheiden sich sowohl in dem, was die Bestimmung, und die Wahl der verschiedenen Uebereinstimmungen, als deren Ausbildung und Einkleidung betrift. Jene leitet die Töne in der Folge, oder nacheinander, aus der Harmonie, oder den Grund-Tönen, als aus einer Quelle her, und ziehet folglich die ein- und mehrfach nach einer gewissen Absicht vereinbarten Töne, aus vorher bestimmten zusammengesetzten Harmonien. Diese siehet hingegen nur vorzüglich auf die einfache Kraft derselben, sowohl in Ansehung des Grund-Tones zu einer mannigfaltigen Harmonie, als in Ansehung der Ausbildung derselben. Die zusammenstimmende Kraft der Töne aber wird nach derselben nur beyläufig feste gesetzet. Nun ist für die einfache Ausdehnung der Harmonie um desto weniger Platz, je näher sich die verschiedenen Uebereinstimmungen einander berühren, weil sie von jener in Schrancken gefasset wird. Es ist wahr, daß unter einer Menge zusammengeordneter Uebereinstimmungen, ohne Zweifel auch viele seyn werden, welche sich für die [170] vorhabende Absicht, eben nicht am besten schicken; aber es findet doch immer mehr Wahl statt, und es muß auch ungleich leichter seyn, aus vielen vorhandenen Materialien, diejenigen heraus zu suchen, die unserer Absicht am vorträglichsten sind, als wenn man dieselbe erst, mittelst eines blinden Führers, ich meyne mittelst, und nach Maaßgebung eines verzierten Gesanges, herbey schaft. Der Gesang oder die Folge singbarer Töne, wo sie nicht von den Grund-Tönen in Schrancken gehalten wird, gleichet einem Wasser, welches aus seinem Ufer tritt, es wird seiner Quelle desto unähnlicher, je weiter es sich von derselben entfernet, und je mehr Zufälligkeiten es unterweges antrift, und sich mit denselben vereiniget.

Die Annäherung der Uebereinstimmungen ist gleichsam ein Damm gegen diese Ausschweifungen[,] und setzet denenselben Maaß und Ziel. Ich will einmal durch ein Beyspiel zeigen, wie die in der Num. 111. bezeichneten Monodie befindlichen Zierrathen, hätten vermieden, und durch die Herannäherung der unterschiedlichen Accorde, der Gesang hätte melodischer gemacht werden können. Die erste Abwechselung der hier zum Grunde gelegten kleinen Ton-Art ist die Septime desselben. Diese wird nach monodischer Art durch die Zierlichkeiten des allhier herrschenden Gesanges veranlasset, und befestiget den abgemessenen Gang der fortgesetzten Uebereinstimmungen zu halben Tacten. Es hat aber diese weite Ausdehnung der zum Grunde gelegten Zusammenstimmung, weder in der besonderen Absicht des Setzers in Ansehung des zu erlangenden Endzwecks, noch auch in der absonderlichen Form, so er dieser Zusammensetzung geben wolte, ihren Grund.

Die Zierlichkeiten des Gesanges veranlassen dieselbe allhier. Es hätte also, ohne weder dem Endzweck noch der Form dieser Zusammensetzung, einigen Eintrag zu thun, der Gang derselben eben so füglich, in Viertheilen als in halben Tacten fest gesetzet werden können. Ja, ich glaube sogar, daß der gesuchte Zweck, welcher überhaupt auf die Erregung einer gemäßigten Freude zu gehen scheinet, durch die erfolgte Uebereinstimmung der Quinte des Tones, noch mehr und ehender hätte erlanget werden können, wenn dieser ohne dies gemeine und bekannte, und auf die natürlichsten Fortschreitungen sich gründende Fortgang Num. 112. durch eine darzwischen gesetzte Dißonanz, auf diese Art belebet, und wieder neu gemachet worden wäre. Num. 113. Es würde auf diese Weise das der Uebereinstimmung begierige Ohr nicht nur mehr gesättiget und befriediget, sondern auch zugleich mit solchen Gegenständen angefüllet werden, welche die vorhabende Absicht unmittelbar, und ohne falschen Glantz, ich meyne ohne viele unbe[171]stimmete Zierathen, zu befördern geschickt gewesen wären. Die also zum Grunde gelegten Uebereinstimmungen, würden gnugsamen Stoff und Materialien zu hundert, und mehr melodischen Ausbildungen, in allerley Art, an die Hand geben. Denn so stellet sich, bey einer zwiefach zu veranstaltenden Zusammensetzung, diese melodische Folge gleichsam von selbsten dar: Num. 114. Doch da diese Folge schon in das altfränkische zu fallen scheinet, wie leicht kann derselben nicht abgeholfen werden, wenn man den Gesang zur tiefsten Stimme macht, und mittelst einer kleinen Aenderung, also zum Grunde leget, den Gesang aber, nach Maaßgebung desselben, auf diese Weise ordnet: Num. 115. Solte aber auch diese Zusammensetzung manchem noch zu einfältig scheinen, was hindert es, daß man nicht eben die vorhin monodisch oder unabhängig gebrauchten Zierathen und Figuren, dem Zusammenklange unterwirft, und auf diese Art melodisch anwendet? Num. 116. Nicht nur die sclavische Wiederholung eben derselben Töne und Figuren, in einer und eben derselbigen Stimme, würde dadurch vermieden worden seyn; sondern es würden auch zwey oder mehrfach verbundene Töne, in vereinigter Kraft, zu demjenigen Zweck wirken, zu welchem sie, nach der Absicht des Setzers, zu wirken bestimmet sind. Wiewohl ich demnach glaube, daß eben diese Folge vollkommener, und folglich angenehmer zu hören seyn würde, wenn man dieselbe dreystimmig, ohngefehr also einher gehen liesse. Num. 117. Die Vermeidung der überflüßigen musikalischen Zierathen würde als ein zweyter Effect dieses Verfahrens, von selbsten erfolgen.

In den Compositionen ist nothwendiger Weise schon desto mehr Zierath, je weniger sich Zusammenstimmung in denselben befindet. Je mehr aber die unabhängig, und für sich bestimmten Zierathen, in einer Composition, erspahret sind, desto mehr nähert sie sich folglich der edlen Einfalt der Natur.

Der, ohne Absicht auf die vielfache Harmonie, bestimmte einfache Gesang, ist zwar in allen Zusammensetzungen überhaupt, die allergrösseste Hinderniß, a[n] der bestimmten Kraft und Wirkung desselben, so wie an dessen natürlichen und kräftigen Ausdruck. Insbesondere aber macht sich der Mangel der Richtigkeit des Ausdrucks desselben in solchen Zusammensetzungen empfinden, deren Urbild wir kennen, und vor Augen haben.

Und gesetzt auch, daß uns das unvollkommene eines monodisch bestimmeten Gesanges, wegen der übrigen Eigenschaften, so ein solcher haben kann, nicht sogleich fühlbar und empfindlich wäre, wann wir ihn nur allein, nicht aber auch einen in eben der Absicht polyodisch bestimmten, hören; so ist doch gewiß, daß sich der Vorzug dieses vor jenen, um desto leichter fühlen und [172] empfinden lässet, wenn wir sie aufeinander hören, und einen mit dem andern in Vergleichung stellen können.

Man besehe in dieser Absicht die beyden folgenden Beyspiele: Num. 118. und 119.

Drittens, so würde sich auch in denen nach diesem Verfahren erzeugten Zusammensetzungen, eine genauere Vereinbarung der unterschiedlichen Stimmen, aus welcher eine Zusammensetzung bestehet, finden lassen; wenn man sich nemlich, von dem Vorurtheile, daß eine Folge vor der andern, an sich und abgesondert, etwas voraus habe, zu befreyen bedacht ist, und selbst den blos einfachen Gesang, nur in vereinigter Kraft, und um der fortgesetzten Uebereinstimmungen willen, also ordnet und führet, daß sie den Entwurf der vorhabenden Absicht des Setzers enthalten. Gesetzt, daß ebenfalls der Gesang, oder die Folge der Töne, etwas von ihrem äusserlichen Glantz und Schimmer verlöhre, so würde dennoch dieser Verlust, wenn es anders einer ist, durch die Kraft, und die Macht der Wirkung, welche ein melodischer Gesang auf das Gemüthe macht, genugsam wieder ersetzet. Ein melodischer Gesang gefällt unmittelbar, weil die Töne in der Folge, uns eben just diejenigen Uebereinstimmungen in das Gemüthe bringen, und in der Seele rege machen, welche am meisten geschickt sind, just so viel angenehme und unangenehme Empfindung zu verursachen, als den besondern Umständen nach, erreget werden sollen. Ein monodischer Gesang hingegen gefällt nur mittelst und wegen der Aehnlichkeit, welche die zierliche Folge in der einen Stimme mit solchen Uebereinstimmungen hat, welche nach einer gewissen Absicht des Setzers, mittelst des Ohres, der Seele hätten vorgestellet werden sollen. Jener ist das Urbild einer durch die Kunst veranstalteten getreuen Nachahmung der Natur; dieser ist ein durch widernatürliche Künste erzwungener und unvollkommener Abdruck von diesem Urbilde. Um nun die Copie ihrem Original ähnlich zu machen, so ist ausser der Vermeidung der Ausdehnung, und der Zierathen, nöthig, daß man die Quellen des Gesanges, ich meyne die festgesetzten Grund-Töne, oder die verschiedenen Uebereinstimmungen, ihre verschiedene Natur, Eigenschaften und Wirkungen, deren Zusammenhang mit unserer vorhabenden Absicht, zuvor wohl erforsche, und untersuche, und vorher bestimme, und in ein denen Umständen gemäßes Zeit-Maaß einkleide, um nur solche ein- und mehrfache Folgen daraus zu ziehen, welche uns die gantze vereinigte Kraft, derjenigen Uebereinstimmungen, wiederum in den Sinn, und in das Gedächtniß bringen, aus welchen derselbe geflossen ist.

[173] Aus dem Mangel der so nöthigen Vereinbarung der unterschiedlichen Theile in den Monodien, geschiehet es, daß dieselben nur einen zu leichten, und vor die Bewegung der Seele, zu flüchtigen Eindruck auf uns machen, und daß der Ausdruck weder an sich Kraft und Nachdruck, noch weniger aber eine bestimmte Kraft zu wirken hat. Denn wenn auch noch so viele Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit, in denen nach monodischer Art verfertigten Zusammensetzungen, seyn solte, so werden dennoch weder die verschiedenen Accorde nicht um ihr selbst, vielweniger aber um der Haupt-Absicht willen, mit einander verbunden. Hiernächst so wird die Beschaffenheit des Ganges und der abgemessenen Bewegung eines für sich bestimmten Gesanges, nicht um der Haupt-Absicht fest gestellt, sondern eben der willkürlich bestimmte Gesang veranlasset dieselbe.

Diese in dem allein herrschenden Gesange voraus gesetzte Bewegung, nicht aber die zu erlangende Hauptwirkung, determiniret den Gang und die Bewegung der übrigen Stimmen, so ihn begleiten. Das Zeit-Maaß und die Bewegung, dieser dem herrschenden Gesange beygefügten Stimmen, mögen sich vor die Haupt-Absicht schicken, und derselben gemäß, oder zuwieder seyn; so leiden sie dennoch keine Aenderung, und der Componist ist in dem Verfolg des Gesanges nicht mehr Meister, dieselbe zu unterbrechen; ohne dem einmal fest gesetzten Gesange Tort zu thun.

Auf diese Weise fließet ein Uebel aus dem andern, und die vorhin schon unnatürliche Mon[o]die, wird nicht nur wegen Mangels ähnlicher Zusammenstimmungen, sondern auch wegen Mangels eines zu einem Endzweck geschickt gewehleten Zeit-Maaßes, wobey alle vorhandene Theile das ihrige zugleich mit beytragen, noch unnatürlicher.

Die Verschiedenheit des Ganges und der Bewegung derjenigen Theile, aus welchen die monodischen Zusammensetzungen bestehen, gründet sich demnach nicht auf die Beschaffenheit des Vorhabens unmittelbar, sondern nur auf die Beschaffenheit des allein herrschenden Gesanges. Gesetzt, daß irgend ein zu erregender Affect einen langsamen Gang und Bewegung erforderte, so wird sich ein monodischer Setzer begnügen, diesen Gang zwar in dem herrschenden Gesange beyzubehalten, bey den übrigen Theilen der Zusammenstimmung aber, sich kein Bedencken daraus machen, denselben ein und mehrmalen zu verdoppeln, und zu wiederholen: dieses alles dem Gesange zugefallen, und um denselben nicht tod, und ohne Leben zu lassen, obgleich der Haupt-Affect just das Gegentheil erfoderte. Desgleichen wird derselbe, um durch die, nach gewissen Absichten gewehlte, geschwinde Bewegung des herrschenden Gesanges, die übrigen Theile der Zusammenstimmung [174] nicht dunckel zu machen, nicht umhin können, denenselben einen langsameren Gang zu geben, als es nicht die Natur des auszudrückenden Affects verlangte.

Die Verschiedenheit des Ganges und der Bewegung der Theile, der in denen nach monodischer Art verfertigten Zusammensetzungen, hat also nicht unmittelbar die Beförderung der Haupt-Absicht der Zusammensetzung zum Grunde, sondern sie dienet, richtet und bequemet sich nach dem herrschenden Gesange, und muß demselben zu Gefallen, öfters, der Absicht schnurstracks zuwider, eingerichtet werden. Da hingegen, wie schön, wie gewis, wie bestimmet wird nicht der Effect solcher Zusammensetzungen seyn, deren Harmonie vorher bestimmet, und unmittelbar den Absichten bequemet worden sind, und deren unterschiedliche Kräfte also gebildet und geformet sind, daß sie nicht nur dasjenige Maaß der Zeit, und solche Abtheilungen und Ruhestellen haben, welche sich vor dieselben schicken, sondern, wo auch so viel Verschiedenheit und Gleichheit, sowohl in dem Gange des Gantzen, als in der Bewegung der einzelnen Theile herrschet, als der Absicht nach nöthig ist: Kurtz, wo viel mannigfaltiges zu einem Zweck dergestalt genau vereiniget und verbunden wird, daß es nur allein geschickt ist, denjenigen Grad der angenehmen oder unangenehmen Empfindung zu erregen, den die innerliche moralische Beschaffenheit der vorgestelleten Sache verlanget und erfordert.

Ich will um die Kraft und den Vorzug eines vereinbarten Gesanges, vor einem einfach oder für sich bestimmeten, im Beyspiele zu zeigen, einerley Uebereinstimmungen, sowohl auf eine, als auf die andere Art, in zwiefach einhergehender Kraft ausbilden, und hernach dem Urtheile der vernünftigen Kenner überlassen, in wie fern es mir gelungen ist, die Vorzüge der Melodie, vor der ihr entgegengesetzten Monodie, sowohl aus ihren unterschiedlichen Natur und Wesen, als aus ihren unterschiedlichen Eigenschaften zu beweisen, und ins Licht zu setzen.

Meine vorher bestimmten Harmonien sollen diese seyn: Num. 120. Und ob diese wohl, wegen der genauen Verwandschaft, in welchem sie mit dem Grund-Tone stehen, zu dem Ausdruck der Freude vollkommen geschickt sind; so will ich sie dennoch in der folgenden Zusammensetzung, allhier mehr auf die Feyerlichkeit und Pracht, als auf irgend einen andern Ausdruck richten.

[175] Es wird es hoffentlich keiner Künste brauchen, um die melodische Ausbildung, von der monodischen zu unterscheiden. Das auf die Mannigfaltigkeit der Harmonie sowohl, als auf die Mannigfaltigkeit der Bewegung dieser Harmonie, aufmercksame Ohr des Lesers, wird sowohl die eine, als die andere, ohne Mühe entdecken. Hier ist sowohl die eine, als die andere: Num. 121. und Num. 122.

[Ende]

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