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Christoph Nichelmann: „Die Melodie“ (1755) – Kapitel 47

[Ediert von Christoph Hust und Clarissa Thiem. Vorläufige Fassung – nicht endredigiert, nicht kommentiert; die Notenbeispiele folgen.]

[111] Das XLVII. Capitel.

Die Melodie ist um desto schöner, je mehr sie nur um eines solchen Fortganges der Grundklänge willen ist, der sich für die besonderen Umstände schickt.

Die Monodie verabsäumet sowol das allgemeine Urbild der Musik, die natürlichen Fortschreitungen, noch mehr aber den bey einer jeden besondern Zusammensetzung besonders zu betrachtenden Gegenstand, zu untersuchen und zu erwegen.

Die unterschiedlichen Zusammenklänge sind weder unter sich, und um ihr selbst willen, also wie sie sind miteinander verbunden, noch weniger aber sind sie einem auszudrükenden Gegenstande mit solcher Deutlichkeit angemessen, daß deren Aehnlichkeit in die Sinnen fiele. Es sind auf das höchste nur solche Verbindungen einzelner Töne, die zwar dem Ohre eingehen, den Verstand aber müßig, und das Herz ohne Bewegung lassen.

Ich würde Bedenken tragen, die Geduld des aufmerksamen Lesers durch Anführung noch mehrerer praktischer Beweise, weiter zu mißbrauchen. Allein die Neuheit der Materie eines theils, so, wie anderntheils der Nutzen so daraus entstehen kann, wenn jemand, so dieser Materie mehr gewachsen ist, als ich, daher Gelegenheit nimmt, dieselbe ausführlicher abzuhandeln, machen die Hoffnung in mir rege, daß selbst meine Abhandlung, ihrer Unvollkommenheit ohngeachtet, nicht ganz ohne Nutzen seyn werde. Ich kann daher nicht umhin, zur Erläuterung des Satzes, daß nemlich nur allein das polyodische Ver[112]fahren das bequemste Mittel sey, um der allgemeinen sowohl, als der besonderen Pflicht, eine Gnüge zu thun, nur noch ein paar Beyspiele beyzubringen.

Die Folge der einzelnen singbaren Töne, so da ihrem ersten Ursprunge nach, aus den unterschiedlichen Zusammenklängen, wie aus einer Quelle fließet, und nur als ein Theil derselben anzusehen ist, ist niemals von stärkerer Kraft und Wirkung, als wenn sie nur in Absicht auf dieselben verbunden, und also um, und in Kraft derselben wirket. Wir erinnern uns bey Anhörung eines solchen Gesanges der Zusammenklänge, als der ursprünglichen Quellen desselben, um so viel mehr, und um desto sicherer und gewisser, je nothwendiger die Beziehung dieser einzelnen Töne, als so vieler Theile von dem Ganzen, oder der Harmonie des Grundklanges ist, und je leichter wir diese Grundklänge, mittelst der festgesezten Fortschreitung, auch in den von derselben abhängigen Theilen antreffen, und wieder finden.

Das Verdienst eines Gesanges ist also um desto größer, je mehr er von dem Zusammenklange abhängig, und demselben unterwürfig ist; so, wie hinwiederum die Vollkommenheit der verschiedenen Zusammenstimmungen um desto größer ist, je mehr, und je genauer sie der Absicht also angepasset sind, daß deren Aehnlichkeit und Uebereinstimmung den Sinnen empfindlich, und wir dadurch gerühret werden.

Dieses ist so wahr, daß ein jeder einzelner, oder mehrfacher Gesang, uns um desto mehr, oder um desto weniger gefält, nachdem er die verschiedenen Grundklänge, oder Harmonien, aus welchen derselbe gezogen worden ist, mehr oder weniger deutlich, oder undeutlich anzeiget.

Die Natur giebt uns den Gesang nur um und in Kraft der uns natürlichen Original-Fortschreitungen. Um also den Gesang mit glüklichen Erfolge den Anläßen zu appliciren, so muß man denselben auch eben also ausdrücken, wie er uns von der Natur ist eingegeben worden.

Die glückliche Nachahmung der Natur, ist die Quelle, und das Kennzeichen aller wahren Schönheit. Warum gefält uns dieser Gesang, und erreget diejenigen Empfindungen, so er den Umständen nach erregen soll? Num. 72.

Die Folge der einzelnen Töne in dem herrschenden Gesange, und noch mehr der Zusammenklang desselben, bringt uns solche Verhältniße zu Gehör, die der Haupt-Wirkung, so derselbe hervor bringen solte, gemäß sind. Die in dem dritten Tact angebrachte #2/4. macht denjenigen Eindruck, den sie, der Beschaffenheit der Umstände nach, machen solte, und dieser Eindruck wird in dem darauf folgenden vierten Tact, noch mehr bewähret, wenn der Com[113]ponist, an statt des erwarteten Fortganges in den Haupt-Ton, allhier unvermuthet die Sexte desselben eintreten läßt.

Alle diese unterschiedlichen Zusammenklänge werden auch von dem einzelnen Gesange ganz deutlich angezeiget, und man darf sie nur einmal gehöret haben, um sich bey der Wiederholung des Gesanges derselben sogleich wieder zu erinnern.

Warum hat hingegen die Folge eben dieses Gesanges, wenn er zumal blos einfach zum Vorschein kommt, nicht eine gleiche Annehmlichkeit? Num. 73.

Sie scheinet der Mannigfaltigkeit der Harmonie, oder der Zusammenstimmung im Wege zu stehen, und zeiget die Fundamental-Klänge derjenigen Zusammenstimmungen, von welchen der Gesang ein abhängiger Theil ist, nur sehr dunkel, und sehr zweydeutig an. Ohnerachtet der Accord A dur, als die vollkommene Trias der Unter-Quinte des vorhergegangenen E Accords, allhier auf denselben sehr gut passet, und das besondere Absehen des Setzers, nach welchen er ein Bild, und eine Vorstellung eines weiten Abstandes zu erkennen geben wolte, gar deutlich an den Tag leget; so lässet uns dennoch die vierfache Wiederholung eines, und eben desselbigen Tones, in der Ober-Stimme, in Zweifel, von welchem Grund-Tone er eigentlich abhängig sey, ob nemlich das allhier befindliche A, selbst ein Grund-Ton, oder nur ein aus der Harmonie desselben hergenommener Theil sey, und wenn, und zu welcher Zeit, ob nemlich im Auf- oder Niederschlagen des Tacts, er eines, oder das andere sey?

Denn so kann das A. in dem zweyten Viertel des fünften Tacts, eben so wohl die Quinte von dem Grund- Tone D. als die Octave des Fundamental-Klanges A seyn. Desgleichen so kann man aus dem bloßen Gesange eben so wenig wissen, ob das erste Achtel des sechsten Tactes, wieder ein Grund-Ton, oder die Quinte von einem solchen sey.

Man unterwerfe jetzt den Gesang der Harmonie, ohne dennoch mit dieser eine weitere Aenderung vorzunehmen, als daß der Gesang der einen, und der andern Stimme nur der Harmonie, oder dem Grund-Ton unterworfen wird; so wird sich ohngefehr leicht entdecken, ob er dadurch mehr verschlimmert, oder verbessert werde. Num. 74.

Nicht nur die Monotonie des Gesanges würde auf diese Weise vermieden worden seyn, sondern es würde auch zugleich mehr natürliche Abwechselung der Töne, mehr Ausdruck in dem Gesange eingeführet werden.

[114] Ich leugne im übrigen nicht, daß, wenn man diese jezterwehnte Unvollkommenheit beyseite setzet, dieser Gesang seiner Art nicht vortreflich seyn, und alle diejenige Vollkommenheiten, deren er in seiner Art nur fähig ist, haben solte.

Diese Monodie Num. 75. hat an und vor sich nichts unangenehmes, und wie oft hat nicht ein ehemaliger bekannter Sänger, uns bey der Absingung derselben, die mannigfaltigungen Biegungen und Brechungen seiner angenehmen Stimme, und seines fertigen Halses, zu unserer Verwunderung gezeiget?

Allein die bloße Annehmlichkeit an sich, ist in der Musik nur eine zufällige Eigenschaft, und kein Haupt-Zweck. Eine Zusammensetzung, so natürlich, und den auszudruckenden Sachen gemäß ist, bringt uns schon ein empfindliches Ergetzen zuwege, wenn auch schon die Verbindung, und die Vermischung der unterschiedlichen Töne, dem Ohr auch nicht in gleichem Grade Annehmlichkeit verschafte.

Die verschiedenen Zusammenstimmungen, welche uns diese Zusammensetzung nach und nach hören läßet, sind weder in solcher Anzahl, noch auch von solcher Kraft und Beschaffenheit, daß das Gemüthe dabey gnugsame Unterhaltung finden, noch weniger aber, daß dasselbe auf eine dem Affecte der Worte gemäße Art, dadurch beweget werden könnte.

Die auszudruckende Haupt-Leidenschaft ist allhier eine durch Reue und durch Mißvergnügen modificirte Zärtlichkeit[.] Nun sind die unterschiedlichen Accorde, nicht nur zu weit voneinander entfernet, um unsere natürliche Begierde nach einer abgeänderten Harmonie zu stillen, sondern die endlich erfolgte Zusammenstimmungen der Quarte und der Quinte des Haupt-Tones, stehen auch in einer so nahen Verwandschaft mit dem Haupt-Tone, daß das besondere Abzeichen der abgezielten Leidenschaft, nemlich die Reue und das Misvergnügen, dadurch unmöglich characterisiret werden kann, indem sie als die nächsten Abstämmlinge des Haupt- und vollkommenen Accordes, auch keine andere, als demselben am meisten gemäße Wirkungen, folglich keine der angenehmen Wirkungs-Kraft derselben ganz entgegen gesetzte Bewegung, in dem Gemüthe zu erzeugen geschickt sind.

Der erste Tact dehnet die Harmonie des Haupt-Tones, während der ganzen Zeit derselben, nur blos einfach aus. Der zweyte und dritte wechselt die Harmonie des Haupt-Tones, mit dem Accord der Sechste ab. Der vierte läßt endlich die Quinte desselben vernehmen: und dieses sind alle die Abwechselungen der Harmonie in einem Umfange der Zeit von sieben Tacten. [115] Ich gebe zwar zu, daß bey der Execution dieses einzelnen Gesanges, fast alle nur mögliche Arten der Figuren und der Auszierungen anzubringen sind. Allein solte man sich nicht zufrieden geben, wenn ein anderer Gesang, der uns zugleich einen solchen Fortgang der Harmonie mit eindrückte, dessen verschiedene Zusammenstimmungen, mit der absonderlichen Absicht unmittelbar zusammen hängen, und mithin die natürliche Thätigkeit der Seelen, auf eine denen besonderen Umständen gemäße Art, unterhalten können, wenn, sage ich, ein solcher schon nicht eben so viel, und bey dieser Gelegenheit nicht eben alle diejenigen Auszierungen, als der monodische Gesang litte?

Das Herz ist die Quelle aller wahren Vergnügungen, und wenn dieses nicht gerühret ist, so ist es vergebens, dem Sinn zu schmeicheln, wir bleiben dabey gleichgültig[,] und unbewegt.

Eine der Sachen ähnlichere Folge verschiedener Zusammenstimmungen, möchte ohngefähr der Num. 76. angezeigte Gesang aufweisen.

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