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Analyse und Aufführung: Schenkers Beethoven

Der Wiener Musiktheoretiker Heinrich Schenker hat am Beginn des 20. Jahrhunderts ein Konzept des musikalischen Vortrags entwickelt, das analytisch gefundene Strukturen klanglich hörbar machen soll. Seine Schrift Die Kunst des Vortrags blieb unvollendet und weitgehend unpubliziert, Teile erschienen in englischer Übersetzung (The Art of Performance, hrsg. von Heribert Esser und Irene Schreier Scott, New York u. a.: Oxford University Press 2000).

Der Nachlass der Pianistin Friederike Karger überliefert einige Aufführungsanweisungen von Schenker. Das Material befindet sich heute im Privatbesitz. Ohne die analytischen Grundlagen auszuführen, lassen diese Anleitungen gleichsam automatisch eine strukturell „schenkerianische“ Spielweise entstehen. Im Folgenden stehen Schenkers Gedanken zu Ludwig van Beethovens Klaviersonate G-Dur op. 14,2. Sie beziehen sich punktuell auf einzelne Takte des ersten Satzes. Interessant ist es, diese bloß fragmentarischen Hinweise parallel zu Schenkers Ausgabe der Sonate zu lesen.

Heinrich Schenker: Vortragsanweisung zu Ludwig van Beethovens Klaviersonate G-Dur op. 14,2

[Konzept] T. 1. d¹ im Auftakt von oben anschlagen[.] [A]btrennen der beiden Oktavtöne durch Heben des Armes und Hinüberschwingen desselben zum höheren d², bei liegendem d¹. d¹ auch unter d² noch etwas liegen lassen. Von d² ab Hand und Arm nach einwärts halten um auf g als Endton der Quintbrechung zu zielen. Bei den 3 Tönen der Quintbrechung Arm etwas heben um die Nebennoten von oben anschlagen zu können. Bei g² Klang ausschütten. Bewegung bei der Quintbr.[echung] links ohne Stocken, in einem Guß fortsetzen[.]

T. 4 von a¹ ganz leicht mit dünnstem Tone zu c³ hinauf schweben, erst a² in T. 5 (das a¹ von T. 3 wird hier auf den Niederstreich verlegt und durch Höherlegung noch im Ausdruck verstärkt) betonen.

T. 5–6 Sext Sept u. None sanft bestreichen

T. 53 drittes Achtel e¹ betonen (nicht das g¹, das hier nur als Nebennote auf dem schwächsten Taktteil steht: g¹ darf erst in T. 57 (2. Achtel) einen Nachdruck erhalten[)].

T. 67II ist im Bewußtsein zu halten, daß der erste Ton der Quintbrechung des Motivs von T. 1 fehlt.

Ab T. 70 wird engführungsmäßig die ganze Quintbrechung gebracht doch hier mit einer Sept statt der Oktave unter dem ersten Tone. Die Baßbrechung nach aufwärts fehlt von hier an.

T. 84–85 bloß erstes 16tel fis in T. 84 betonen, alle anderen im Schatten spielen, ebenso wird in T. 89 nur das erste 16tel e, in T. 91 f, in T. 93 b und ab T. 94, die mit sf bezeichneten f auf den starken Taktteilen [betont.]

T. 121 e³ betonen

ebenso T. 122 e², hinter a¹ wird bis zum cis² des nächsten Taktes das Tempo beschleunigt.

T. 195 von e² ab bis zum e¹ in T. 196 Tempo beschleunigen

Im vorletzten Takte (199) hinter h² etwas stehen bleiben damit der Parallelismus:  herauskommt

[Reinschrift:] Zum Vortrag von Beethovens Sonate op. 14 N°. 2

T. 1. Da auf g¹ sowohl von d¹ im Auftakt als auch vom d² auf dem Niederstreiche von T. 1 zugegangen wird, müssen die beiden Oktavtöne abgetrennt werden. Dementsprechend muß d¹ im Auftakt von oben angeschlagen, sodann, bei liegendem d¹ der Arm gehoben und zum höheren Oktavton hinübergeschwungen werden, wobei d¹ noch unter d² etwas liegen bleibt. Von d² ab sind Hand und Arm einwärts zu halten, um auf g¹ hinzielen zu können. Beim Vortrag der Quintbrechung wird der Arm etwas gehoben um die jeweiligen Nebennoten der Brechungstöne von oben anschlagen zu können; durch das Hinsinken von der Nebennote zum jeweiligen Brechungston entsteht eine Wellenbewegung des Armes. Bei g¹ wird der Klang durch Aufstellen der Hand, bei Einwärtshaltung gleichsam ausgeschüttet. Die erwidernde Aufwärtsbrechung im Basse muß ohne Stocken sofort angeschlossen werden.

[Mehr nicht überliefert. Transkription: Christoph Hust]

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1 Kommentar

  1. […] Heinrich Schenkers Bemerkungen zu Ludwig van Beethovens Klaviersonate G-Dur op. 14,2 folgen hier – aus der gleichen Quelle: dem […]

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