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TV-Musik: »House of Cards«

Anselm Vollprecht

Musikalische Repräsentation von Macht in House of Cards

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen einen Anruf und werden gefragt, ob Sie die Musik für eine Politik-Fernsehserie schreiben können. Was ist das Besondere an dem Material?

»There is a lot of dialogue and a lot of the narrative happens about stuff that you are not really seeing«,

sagt der Komponist Jeff Beal dazu in einem Interview.

Bedeutsamkeit erhalten diese Dialoge durch die Konsequenzen, die mit ihnen verbunden sind. Die Protagonisten besitzen politische Macht, ihre Worte haben schweres Gewicht. Wenn diese Folgen nicht sichtbar sind, kann stattdessen die Musik aushelfen. Doch welche musikalischen Mittel können die Assoziation der Bedeutsamkeit herstellen, die politische Macht mit sich bringt? Sind diese Mittel universell oder kulturell verschieden?

Diese Fragen werden im Folgenden anhand der Analyse der Musik von zwei Fernsehserien mit demselben Sujet untersucht: House of Cards ist eine Geschichte über einen machthungrigen Politiker, der mithilfe von Intrigen, Korruption und Mord die höchste Position im politischen System erreicht. Der Roman von Michael Dobbs wurde zweimal in Fernsehserien umgesetzt – Anfang der 1990er Jahre in Großbritannien und seit 2013 im Auftrag von Netflix mit Schauplatz Washington.

Folgende These werde ich untersuchen: Die musikalische Repräsentation von politischer Macht basiert in House of Cards auf kulturell geprägten Stereotypen. Dabei werde ich mich aus mehreren Gründen auf die Titelmusik konzentrieren. Sie ist in TV-Serien von besonderer Bedeutung: Jeff Beal, der Komponist der US-amerikanischen Version, sagt, der Vorspann sei eine Art musikalischer »Mikrokosmos der Welt der Serie«. Hier sollen also ein bestimmtes Setting und eine Atmosphäre hergestellt werden. Daher gehe ich davon aus, dass die Titelmusik in Bezug auf die Herstellung einer Atmosphäre der (politischen) Macht eine besondere Rolle einnimmt. Außerdem bietet sie sich im Hinblick auf einen Vergleich der beiden Serien an, denn sowohl in der US-amerikanischen als auch in der britischen Version gibt es eine prominente Titelmusik.

Für die Untersuchung wähle ich drei verschiedene Ansatzpunkte:

  • Erstens versuche ich eine möglichst objektive Analyse der Musik und der verwendeten musikalischen Mittel.
  • Zweitens beschreibe ich als Beispiel meinen subjektiven Höreindruck und die damit verbundenen Assoziationen.
  • Wenn vorhanden, beziehe ich drittens Aussagen der Komponisten ein.

Musikalische Zeichen

Die Wirkungen und Assoziationen, die bestimmte musikalische Höreindrücke bei Zuschauern auslösen, sind in hohem Maße subjektiv. Dennoch arbeiten Filme und Fernsehserien mit einem erwarteten, intersubjektiven, gemeinsamen Assoziationspotenzial des Publikums.

Anselm Kreuzer, deutscher Filmkomponist, schreibt, musikalische Zeichen seien – ähnlich sprachlichen Codes – relativ stabil.[1] Unter ›musikalischem Code‹ versteht Kreuzer bestimmte Gestaltungselemente, die sich im westlichen Kulturraum bereits in der Geschichte der Oper herausgebildet hätten und beim Hörer relativ konstante Assoziationen auslösten.[2] Dieser Code sei also kulturell gewachsen.

Die US-amerikanische Filmwissenschaftlerin Claudia Gorbman schreibt, bestimmte Musikinstrumente, Rhythmen, Melodielinien oder Harmonien böten ein ganzes Lexikon an musikalischer Konnotation, welches von den Filmmusikstudios in erheblichem Maße verwendet werde.[3] Filmmusik schaffe, aufgrund ihres hohen Grades an kultureller Codierung, effizient eine bestimmte Atmosphäre und einen historischen, geografischen Rahmen.[4]

Reinhard Kungel gibt in seinem Handbuch Filmmusik für Filmemacher konkrete Hinweise auf die Zuordnung von musikalischen Gestaltungselementen:

»Trompeten repräsentieren vor allem im amerikanischen Kino Macht und Nationalstolz – wohl eine Spätwirkung der von Trompetenklängen begleiteten Befreiungskriege.«[5]

Dies kann als weiteres Beispiel dafür gewertet werden, dass die Beschäftigung mit musikalischen Zeichen ein Teil der Arbeit von Filmmusikkomponisten ist. Dabei bleibt die Analyse des tatsächlichen Ursprungs eines musikalischen Zeichens sekundär, solange sich die erhoffte Wirkung bei einem Großteil der Zielgruppe einstellt. Das heißt, ein musikalisches Zeichen für Indianer muss nicht zwangsläufig etwas mit der Musik der indigenen Bevölkerung Amerikas zu tun haben, dafür aber mit der Vorstellung, die das Publikum von dieser Musik hat.

Dazu schreibt der Filmmusikwissenschaftler Wolfgang Thiel:

»Bei der bewussten Wahrnehmung eines für uns neuen Musikwerkes bilden und überprüfen wir unser Urteil mit Hilfe des Gedächtnisses an inneren Wertmodellen, die als Ergebnis des bisherigen Umgangs mit Musik in unserem Bewusstsein existieren.«[6]

Jim Parker: Francis Urquhart’s March

Die Musik für die britische BBC-Produktion wurde von Jim Parker (* 1934) geschrieben, einem britischen Komponisten und Instrumentalisten (Klarinette und Englischhorn), der jenseits von Film und TV auch mit Kammermusik in Erscheinung getreten ist. Für die Titelmusik schrieb er Francis Urquhart’s March, benannt nach dem Protagonisten der Serie:

March.jpg

Das 52 Sekunden lange Stück im Viervierteltakt (Tempo ♩= 112) besteht aus einer dreimaligen Wiederholung der oben notierten achttaktigen Form sowie einer ebenfalls achttaktigen Melodie. Die Komposition steht (anders als im Notenbeispiel) in D-Dur und basiert auf einfacher Kadenzharmonik.

Das Thema ist durch Einfachheit, punktierte Achtel- und Sechzehntelnoten sowie einen Umfang von einer Oktave charakterisiert. Zunächst wird es von Trompeten gespielt, beim zweiten Mal von Hörnern und beim dritten Mal von Posaunen. Trompeten und Hörner fügen im zweiten bzw. dritten Durchgang weitere Begleitstimmen hinzu.

Blasinstrumente und klassisches Schlagwerk haben, wie es typisch für einen Marsch ist, eine übergeordnete Rolle. Eine kleine Trommel beginnt mit einem Auftakt und schlägt dann Viertel, bis sie im letzten Durchgang von der Pauke abgelöst wird. Auch ein größeres Streichensemble ist zu hören. Es hat eine begleitende Funktion, spielt im ersten Durchgang Akkordtöne in abgesetzten Vierteln und im weiteren Verlauf hintergründige Klangflächen. Die Aufnahme wurde mit einem Studioorchester hergestellt. Es sind keine digitalen Veränderungen am Klang hörbar.

Mich erinnert die Titelmusik an eine Nationalhymne oder die Untermalung eines staatlichen Festakts, auch an englische Musik des 18. Jahrhunderts. Man hört ein groß besetztes Orchester und militärisch konnotierte Schlagwerkklänge. Gleichzeitig hat die Melodie etwas Feines, Elegant-Aristokratisches, das an traditionelle, königliche Hofzeremonien denken lässt.

Der Fokus scheint auf dem Alter und der Tradition der britischen Demokratie zu liegen, passend zur Architektur des im Bild gezeigten Westminster Palace. Die Assoziation von Macht ergibt sich aus dem Hinweis auf Tradition.

Jeff Beal: Main Theme for »House of Cards«

Verantwortlich für die Musik der US-amerikanischen Version ist der amerikanische Komponist und Jazztrompeter Jeff Beal (* 1963).

Die Titelmusik ist etwa 90 Sekunden lang und steht in einem langsamen Viervierteltakt (♩= 98). Charakteristisch ist ein rhythmisiertes E-Bass-Ostinato auf Grundton und Terz von a-Moll. Über diesem Bass-Orgelpunkt ergeben sich verschiedene Akkorde. An einer Stelle entsteht dabei eine Dissonanz von A-Dur über a-Moll. Jeff Beal sagt in einem Interview dazu:

»Mir hat die Spannung, die dadurch hergestellt wird, immer gefallen, weil es ein Fehler ist und dadurch der Eindruck erzeugt wird, dass hier irgendetwas nicht stimmt.«

Hinzu kommen mehrere weitere Elemente: Ein Drumset setzt auf der Snaredrum Akzente und spielt in der zweiten Hälfte durchgehende Achtel auf der geschlossenen Hi-Hat. Das getragene Hauptthema wird von tiefen Streichern und einem Horn gespielt. Eine Trompete spielt eine wie improvisiert wirkende Melodie im Hintergrund. Außerdem erklingt eine Folge von Akkordbrechungen, die von einem Klavier gespielt werden. Dieses Arpeggio wird von Beal als »Puppenspieler-Element« bezeichnet. Im Verlauf des Stückes wechseln sich die verschiedenen Elemente ab oder überlagern sich. Hinzu kommen elektronisch-atmosphärische Klangflächen und Geräuschelemente.

Die Produktion ist digital: Auf der gesamten Tonspur, vor allem auf Schlagzeug und Trompete, befindet sich ein starker Hall-Effekt. Viele Klänge sind nicht identifizierbar und wirken elektronisch generiert. Dies legt nahe, dass nicht mit einem Studioorchester gearbeitet wurde, wobei einzelne Stimmen durchaus mit ›echten‹ Instrumenten eingespielt sein können.

Jeff Beal bezeichnet die vom Produzenten gewünschte Wirkung als »Ruf zu den Waffen«, hymnenartig, dunkel-verdreht und unheilvoll. Der wummernde, wabernde Bass prägt den Charakter der Titelmusik. Mithilfe des Halleffekts auf den Instrumenten wird der Anschein eines riesigen Raumes erzeugt, während die Snaredrum eine militärische Assoziation hervorruft. Die Streicher wiederum erinnern an romantisch-bürgerliche Konzerttradition.

* * *

Bedingt von ihren Kulturräumen Großbritannien und USA bedienen sich die Komponisten teils ähnlicher, teils grundlegend unterschiedlicher musikalischer Mittel. Jim Parker assoziiert im Großbritannien der 1990er Jahre Macht vor allem mit viktorianisch-traditioneller Orchestermusik. Der Amerikaner Jeff Beal will vergleichbare Assoziationen mit dunklen Bass-Frequenzen, Hall-Effekten und fernen Trompetenklängen erzeugen.

Die Titelmusiken der beiden House of Cards-Serien sind beispielhaft für die vielfältige und komplexe Arbeit mit Assoziationen in der Film- und Fernsehmusik. Gleichzeitig kann die Wirkung dieser Musik Ansätze für Rückschlüsse auf einen musikalischen Code geben. Einblicke in Handbücher für Filmmusikkomponisten und das Interview mit Jeff Beal bestätigen den Eindruck, dass ›funktionierende‹ Film- und Fernsehmusik passgenau die Vorurteile und Assoziationspotenziale des Publikums bedient. Die Repräsentation von politischer Macht basiert also in beiden Versionen von House of Cards auf der Verwendung von musikalischen Stereotypen.

 

Nachweise

[1] Anselm C. Kreuzer, Filmmusik in Theorie und Praxis, S. 77.

[2] Ebd.

[3] Claudia Gorbman, Unheard Melodies, S. 85.

[4] Ebd., S. 58.

[5] Reinhard Kungel, Filmmusik für Filmemacher, S. 54.

[6] Wolfgang Thiel, Filmmusik in Geschichte und Gegenwart, S. 39.

 

Literatur

Eco, Umberto: Function and Sign. The Semiotics of Architecture, in: Rethinking Architecture. A Reader in Cultural Theory, hrsg. von Neil Leach, Padstow: Routledge 2006, S. 182–202.

Gorbman, Claudia: Unheard Melodies: Narrative Film Music, London u. a.: BFI 1987.

Kreuzer, Anselm C.: Filmmusik in Theorie und Praxis, Konstanz: UVK 2009.

Kungel, Reinhard: Filmmusik für Filmemacher: Die richtige Musik zum besseren Film, Heidelberg: d-punkt 2008.

Thiel, Wolfgang: Filmmusik in Geschichte und Gegenwart, Berlin: Henschelverlag 1981.

Weidinger, Andreas: Filmmusik, Konstanz: UVK 2006.


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