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TV-Musik: »Game of Thrones«

Alicia Krähe und Ava Krist

Light of the Seven – Musikalische Antizipation und Verknüpfung von Handlungsinhalten durch Leitmotive in Game of Thrones

Die HBO-Serie Game of Thrones ist derzeit eine der weltweit erfolgreichsten Serien. Einen erheblichen Anteil daran hat der Soundtrack des Komponisten Ramin Djawadi, der in seinen Serienkompositionen vor allem die Leitmotivtechnik nutzt.[1] Die Leitmotive in Game of Thrones entwickeln sich parallel zu ihren Charakteren. Durch ihre Einführung, Entwicklung und Verknüpfung hebt Djwadi wichtige Figuren hervor. Indem zum Beispiel die Motive für Jon Snow und Daenerys Targaryen häufig zusammen mit dem Titelmotiv erklingen,[2] werden versteckte Hinweise auf den weiteren Verlauf der Handlung gegeben. Die musikalische Antizipation und Verknüpfung von Handlungselementen durch Leitmotive in Game of Thrones wird in diesem Text anhand einer Analyse der Komposition Light of the Seven erklärt, die zur ersten Szene des Staffelfinales The Winds of Winter (S06E10) erklingt.

ES FOLGEN SPOILER!

Die Szene zeigt, wie die Königsmutter Cersei Lannister sich wegen Inzests und Verleugnung der Götter verantworten muss. Anstatt in der Septe (in der englischen Fassung der Great Sept, einem Tempel) am Ort des Prozesses vor den Priestern zu erscheinen, hat Cersei einen Plan geschmiedet, der sich den ZuschauerInnen erst in den letzten Sekunden der Szene erschließt. Die Musik deutet jedoch schon vorher an, was geschehen wird: Cersei hat die Sprengung der Septe veranlasst, in der sich außer den Priestern auch ihre Schwiegertochter Margaery aufhält. Gleichzeitig werden auf Cerseis Anweisung ihr Cousin Lancel und der Hofmeister Pycelle, die gegen sie ausgesagt hatten, von den Little Birds (einer Gruppe von Kindern, die als Spione und Auftragsmörder eingesetzt werden) ermordet.

Die wichtigsten Leitmotive der Szene

A: Verhandlungsmotiv:

got1.jpgMotiv A besteht aus gebrochenen c-Moll- und f-Moll-Dreiklängen, deren Terz als höchster Ton besonders hervorgehoben wird. Es bewegt sich in Achtelnoten vorwärts, die am Schluss jeder viertaktigen Phrase auf einer ganzen Note mit Fermate innehalten. Das Motiv konstruiert eine bedrückende und melancholische Stimmung. Es wird, erstmals in der Serie,[3] von einem Klavier gespielt und scheint die bevorstehende Verhandlung zu bezeichnen.

B: Cerseis Motiv:

got2.jpg

Cerseis besondere Rolle in dieser Szene veranlasst Djawadi dazu ihr erstmals ein eigenes Leitmotiv zu geben; vorher wurden ihre Auftritte meist vom Motiv der Lannister-Familie, The Rains of Castamere, begleitet. Cerseis neues Leitmotiv besteht aus den vier Tönen einer absteigenden c-Moll-Tonleiter, die vom Cello gespielt werden, einem Instrument, das wegen seiner dunklen Klangfarbe sehr häufig im Game of Thrones-Soundtrack Verwendung findet.

C: Motiv der Little Birds

got3.jpg

Das Motiv der Little Birds besteht aus kleinen Dezimen, deren oberer Ton in hoher Lage erklingt; es hat eine sehr schlichte, beinahe unschuldige Wirkung.

Einsatz und Verknüpfung der Leitmotive

Die knapp zwanzigminütige Sequenz setzt sich aus vielen Einzelhandlungen zusammen. Die Musik verknüpft sie formal ähnlich einer Passacaglia.[4] Cerseis Thema ist in der Szene sehr präsent, was ihrer Rolle als Strippenzieherin entspricht.

Zu Beginn sieht man, wie die Hauptcharaktere – König Tommen, Königin Margaerye und Cersei – für die Verhandlung angekleidet werden. Dazu ertönt noch keine Musik, sondern nur das Läuten von Glocken. Anschließend erklingt als erstes Leitmotiv das Verhandlungsmotiv (A). Man sieht dabei, wie Menschen in die Kirche eintreten und die letzten Vorbereitungen getroffen werden. Cerseis Motiv erklingt zum ersten Mal in Kombination mit dem Verhandlungsmotiv, während die Priester die Septe betreten. Allerdings ist Cersei gar nicht anwesend, sodass das Motiv (spätestens beim zweiten Ansehen der Szene) an dieser Stelle besonders auf diesen Umstand hinweist.

Wenn Motiv C zum ersten Mal erklingt, sieht man statt der Little Birds Hofmeister Pycelle mit einer Prostituierten in seiner Kammer. Das Motiv weist schon zu diesem Zeitpunkt auf seine bevorstehende Ermordung durch die Kinder hin. Kurz vor dem Mord erklingt Cerseis Motiv in einer Variante, gesungen von Knabenstimmen – an dieser Stelle wird ihre Rolle als Auftragsgeberin deutlich. Auch Lancel wird zu diesem Motiv von einem Mitglied der Little Birds in die Katakomben gelockt und erstochen. Während seiner letzten Atemzüge erkennt er ihren Plan, als er sieht, wie Kerzen in eine Sprengflüssigkeit herunterbrennen. An dieser Stelle endet das Motiv abrupt: Es scheint, als ob die Musik die ganze Zeit auf Cerseis Intrige hinweisen wollte und dies nun, da der Plan entdeckt wurde, nicht mehr nötig ist.

Mit letzter Kraft zieht Lancel sich zum Sprengstoff, um die Kerzen zu löschen, was ihm jedoch nicht mehr gelingt. Von einer Orgel gespielt, erklingt ein Motiv aus der Titelmusik. Darauf folgt ein Schnitt in die Septe, wo die Menschen nichtsahnend auf die Königsmutter warten. Interessant ist, dass hier, wo noch niemand von der bevorstehenden Katastrophe weiß, wieder Cerseis Motiv zu hören ist. Einzig Königin Margaerye bemerkt Cerseis Abwesenheit und scheint den Plan zu erahnen. Schließlich veranlasst sie die Räumung der Septe. Doch es ist zu spät: Während die Menschen zum Ausgang strömen, wird das Gebäude gesprengt. Cersei beobachtet die Explosion aus sicherer Entfernung mit einem Glas Wein in der Hand. Erst hier wird im Bild gezeigt, was die Musik die ganze Zeit bereits angedeutet hatte.

* * *

Light of the Seven hebt sich von der Musik zu anderen Sequenzen der Serie deutlich ab. Vor allem der erstmalige Einsatz des Klaviers (nach sechs Staffeln) und die langen Passagen ohne Dialog, in denen die Musik Spannung aufbaut, legen einen besonderen Fokus auf die Tonspur.

Die subtil versteckten Hinweise in den Leitmotiven eröffnen im Zusammenspiel mit den Bildern den ZuschauerInnen nach und nach die Intrige. Djawadis Musik ist sozusagen die auktoriale Erzählerin, die mittels Leitmotiven Andeutungen auf das weitere Geschehen gibt. Allerdings lässt sich schwer sagen, ob die ZuschauerInnen diese Andeutungen auf das weitere Geschehen beim ersten Ansehen der Szene überhaupt schon nachvollziehen können, zumal Cerseis Motiv in Light of the Seven erstmals in der Serie eingesetzt wird. Iréne Deliége untersuchte 1992 die Wiedererkennung von Leitmotivik in Wagners Rheingold.[5] Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Leitmotive nicht signifikant ins Bewusstsein einprägten. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sie keine Wirkung erzielen könnten: Anselm Kreuzer glaubt, dass vieles für »eine Beeinflussung der kognitiv-unbewussten Reizverarbeitung«[6] spreche und dass bei »einem moderaten und ästhetisch stimmigen Gebrauch der Leitmotive eine subtile Wirksamkeit jenseits empirischer Beweise anzunehmen ist«.[7] Die meisten Film- und Serienmusiken zielten nicht auf eine bewusste Wahrnehmung, stattdessen gehe es eher darum,

»beim Rezipienten den Eindruck von ganzheitlicher Stimmigkeit zu hinterlassen. Selbst wenn Leitmotivik zu keiner bewussten Erinnerung führt, wäre in dieser Hinsicht ihr Wert nicht geschmälert.«[8]

Zudem würde die bewusste Dekodierung der Leitmotive das Spannungsempfinden erheblich verringern. Djawadi sagte in einem Interview, er habe in dieser Szene mit Absicht auf den Einsatz von The Rains of Castamere verzichtet, da er damit zu früh verraten hätte, dass es sich um einen »Lannister-Plot« handele.[9]

Unabhängig davon, ob die ZuschauerInnen die antizipierenden Elemente in der Musik bewusst erkennen, wird bei der Analyse der Komposition die Vorwegnahme und Verknüpfung von Handlungselementen durch Leitmotive deutlich. Dies geschieht, indem Leitmotive unabhängig von oder mit geringer Zeitversetzung vor den mit ihnen verbundenen Charakteren erscheinen und diese wiederum mit bestimmten Personen und Geschehnissen in Verbindung bringen. Als auktoriale Erzählstimme »weiß« die Musik mehr als die handelnden Figuren und als die ZuschauerInnen.

 

Nachweise

[1] Leitmotive sind wiederkehrende musikalische Motive, die mit einer Person, einem Ort oder einer Situation verknüpft sind. Richard Wagner »erhob sie zu Elementen der Formbildung und des musikalischen Satzbaus«: Claudia Bullerjahn, Grundlagen der Wirkung von Filmmusik, S. 88f.

[2] Christian Weng, Techniken und Funktionen von Filmmusik am Beispiel von GOT, S. 303.

[3] Jennifer Vineyard, Game of Thrones Composer Ramin Djawadi on the Show’s Key Musical Elements, 2016.

[4] Ebd.

[5] Iréne Deliége, Recognition of the Wagnerian Leitmotiv, S. 34–36.

[6] Anselm C. Kreuzer, Filmmusik in Theorie und Praxis, S. 143.

[7] Ebd.

[8] Ebd., S.144.

[9] Josh Wigler, ›Game of Thrones‹ Composer Discusses »Light of the Seven,« the Finale’s »Haunting« King’s Landing Score, 2016.

 

Literatur

Bullerjahn, Claudia: Grundlagen der Wirkung von Filmmusik, Augsburg: Wißner 2001.

Deliége, Iréne: Recognition of the Wagnerian Leitmotiv – Experimental Study Based on an Excerpt from »Das Rheingold«, in: Musikpsychologie. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie 9, 1992, S. 25–54.

Kreuzer, Anselm C.: Filmmusik in Theorie und Praxis, Konstanz: UKV 2009.

Loofbourow, Lili: Why the real winner of the Game of Thrones season finale was the music, in: The Week, 29. Juni 2016, <http://theweek.com/articles/632709/why-real-winner-game-thrones-season-finale-music> (Abruf am 10. Februar 2018).

Vineyard, Jennifer: Game of Thrones Composer Ramin Djawadi on the Show’s Key Musical Elements, and That Godfather-esque Finale Turn, in: Vulture, 21. Juli 2016, <www.vulture.com/2016/07/game-of-thrones-composer-ramin-djawadi-key-musical-elements.html> (Abruf am 10. Februar 2018).

Weng, Christian: Techniken und Funktionen von Filmmusik am Beispiel von GOT, in: Die Welt von »Game of Thrones«. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf George R. R. Martins »A Song of Ice and Fire«, hrsg. von Markus May u. a., Bielefeld: Transcript 2016 (Edition Kulturwissenschaft), S. 293–306.

Wigler, Josh: ›Game of Thrones‹ Composer Discusses »Light of the Seven,« the Finale’s »Haunting« King’s Landing Score, in: The Hollywood Reporter, 28. Juni 2016, <www.hollywoodreporter.com/live-feed/game-thrones-finale-composer-light-907084> (Abruf am 10. Februar 2018).


1 Kommentar

  1. […] in documentary film and the limitation of news music to the program’s opening, to the ability of leitmotifs to anticipate plot developments in Game of Thrones and the soundscapes of Breaking Bad as crucial contributions to the show’s narrative, the […]

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