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TV-Musik: »Mad Men«

Maximilian Leonhardt und Humiaki Otsubo

Anachronismen im Sounddesign von Mad Men

Reichtum, Macht, ikonisierte Männerfiguren und vom Rauch der Zigaretten geschwängerte Raumluft – Assoziationen, die vermutlich viele Personen haben, wenn sie an das Manhattan der 1960er Jahre denken. In der US-amerikanischen Serie Mad Men (ausgestrahlt in sieben Staffeln von 2007 bis 2015) zeigt Regisseur Matthew Weiner ganz bewusst eben diese Klischees, während er die Geschichte des »Ad-man« Don Draper in der fiktiven New Yorker Werbeagentur Sterling Cooper erzählt. Da Weiner von Kollegen wie Vince Gilligan, dem Regisseur von Breaking Bad, für seine Akribie bei der Produktion gelobt wird[1] und der subjektive Eindruck beim Ansehen von Mad Men klar das Bild der 1960er Jahre vermittelt, soll in diesem Artikel ein Blick auf die akustische Darstellung dieser Zeit gegeben und dabei beleuchtet werden, wie Anachronismen im Sounddesign diese Darstellung prägen.

* * *

Die Hauptfigur der Serie ist Don Draper, ein charismatischer Geschäftsmann, der mit revolutionären Vorschlägen die New Yorker Werbebranche aufmischt und dabei große, mit ihrem Produkt das Gesicht der Zeit prägende Kunden wie Lucky Strike von sich und seiner Agentur überzeugen kann. Während das Berufsleben Drapers und seiner Kollegen mit fortschreitender Handlung immer weiter in den Hintergrund gedrängt wird, verschiebt sich der Fokus der Erzählung mehr und mehr auf das private Umfeld der Charaktere. Angereichert werden die undurchsichtigen Verstrickungen und Intrigen durch die Einbindung des soziokulturellen Kontexts der 1960er Jahre und somit der Darstellung von Themen wie dem Wandel des Rollenbildes der Frau oder politischen Ereignissen, etwa dem Aufstieg von John F. Kennedy oder dem Beginn der Kubakrise.[2]

Trotz der Leidenschaft, die der Regisseur und das Produktionsteam in die Detailgetreue von Mad Men investiert haben, sind im Internet einige Fehler bei der Darstellung der 1960er Jahre diskutiert worden. Darunter finden sich Anachronismen, die auf ungenügende Recherchearbeit zurückzuführen sind: Ein Wörterbuch im Hintergrund eines Büros ist in Wirklichkeit erst einige Jahre später erschienen, der Blick aus einem Fenster zeigt einen Wolkenkratzer, der erst 1990 gebaut werden sollte. In der Folge My Old Kentucky Home (S03E03) findet sich auch ein für das Sounddesign relevantes Beispiel: Bei einer Gartenparty tritt eine Band auf, deren Schlagzeuger ein Crash-Becken benutzt, das es zu dieser Zeit noch gar nicht gab.[3] Solche Fehlplatzierungen von Produkten waren für die Macher der Serie wohl ärgerlich, geben allerdings keinen Aufschluss über ihre Position zu den 1960er Jahren. Im Folgenden werden stattdessen drei Beispiele für Anachronismen im Sounddesign untersucht, die Rückschlüsse auf die Herangehensweise zulassen und die Perspektive des Produktionsteams auf die dargestellte Zeit beleuchten. Um dem weit gefassten Begriff »Sounddesign« strukturiert entgegentreten zu können, wird er dafür in drei Bereiche aufgeteilt: Geräusche, Sprache und Musik.

Geräusche

Ein Beispiel für unzeitgemäße Geräusche ist eine Schreibmaschine, die während der ersten Staffel im Büro von Sterling Cooper zu hören ist: Das Modell IBM Selectric wird in der Serie bereits im Jahr 1960 benutzt, obwohl die Schreibmaschine erst 1961 in den Markt eingeführt wurde. Als man Matthew Weiner darauf ansprach, begründete er seine Entscheidung damit, dass er nicht genügend Schreibmaschinen des Vorgängermodells auftreiben konnte und diese zudem häufig defekt waren. Sie zu reparieren bzw. ihren Sound künstlich nachzustellen, wäre zu aufwändig gewesen.[4] Trotz der Divergenz kann also darauf geschlossen werden, dass für Weiner und sein Team zu einer adäquaten Darstellung der 1960er Jahre durchaus eine zeitgemäße Soundkulisse gehörte – nicht etwa der Klang von Typenhebelmaschinen, Computertastaturen oder der Verzicht auf Geräusche.

Sprache

Bei der Untersuchung des Sounddesigns von Mad Men erscheint die Sprache möglicherweise zunächst als nachrangig. Man mag einwenden, die Beschäftigung damit gehöre in den Bereich der Linguistik, nicht in den der Musik- und Kulturwissenschaft. Dennoch wird Sprache im Akt des Sprechens zu einem akustischen Phänomen. Das bedeutet, dass auch Fehler in der sprachlichen Ausgestaltung zu akustischen Anachronismen und somit zum Gegenstand dieser Untersuchung werden.

Ein Beispiel dafür findet sich in der Episode Long Weekend (S01E10): Hier setzt Joan Holloway (eine höhergestellte Sekretärin im Büro von Sterling Cooper) in ihrem Satz

»1960, I am so over you.«

das Wort »so« in einer Weise ein, in der es laut Sprachkolumnist Ben Zimmer erst später verwendet wurde.[5] Weiner nahm auch hierzu Stellung und verwies auf einen bereits 1948 erschienenen Song von Cole Porter mit dem Titel So in Love. Insgesamt habe er sehr darauf geachtet, ob bestimmte Ausdrücke in der abzubildenden Zeit glaubhaft hätten verwendet werden können. Falls nach Konsultation des Oxford English Dictionary oder von Online-Datenbanken immer noch Zweifel bestanden, habe er die Ausdrücke vorsichtshalber nicht benutzt. Obwohl Zimmer in einer Replik zwischen den beiden Verwendungsweisen des »so« immer noch einen semantischen Unterschied sieht, wird doch deutlich, dass Weiner um eine zeitgemäße Sprache bemüht war und dass dies für ihn zum akustischen Porträt der Zeit dazugehörte.

Musik

Der Soundtrack im Sinne des musikalischen Materials, das in der Serie verwendet wird, stammt hauptsächlich aus den 1960er Jahren oder wurde von dem Komponisten David Carbonara speziell für Mad Men geschrieben. Carbonaras neu komponierte Stücke wären für die 1960er Jahre selbstverständlich grundsätzlich anachronistisch, sind allerdings auch größtenteils extradiegetisch, gehören also nicht der dargestellten Welt an. In diesem extradiegetischen Teil des Soundtracks steht zwar noch weiteres unzeitgemäßes Material, doch ist es diskussionswürdig, ob extradiegetische Musik überhaupt anachronistisch sein kann, da sie ja kein Teil der Handlung ist.

Nach eigenen Angaben hat sich Weiner für die Auswahl der Musik im Abspann der Serie künstlerische Freiheit genommen. Dagegen habe er nie gewollt, dass die diegetische Musik aus der dargestellten Zeit ausbricht.[6] Das stellte er in einer Mitteilung an Pressevertreter klar, welche die Doppelfolge A Little Kiss (S05E01/02) vor der offiziellen Erstausstrahlung zu sehen bekommen hatten: Einige Journalisten hatten Weiner darauf aufmerksam gemacht, dass ein dort ursprünglich verwendeter Song erst ein halbes Jahr nach dem Handlungszeitpunkt der Folge veröffentlicht worden war. Der Song wurde noch vor der regulären Ausstrahlung der Staffel ausgetauscht.

Dennoch war bereits in der Episode Babylon (S01E07) neu komponierte Musik von Carbonara diegetisch eingesetzt worden. Auch wenn es hier um die Begleitung zu einem Song geht, der auf dem Kanon By the Waters of Babylon von Philip Hayes (1738–1797) basiert,[7] ist die Musik zweifelsohne als anachronistisch zu betrachten. Bekräftigt wird diese Position dadurch, dass das Arrangement stark an eine Version von Don McLean erinnert, die erst im Jahre 1971 auf dem Album American Pie veröffentlicht wurde.[8] Allerdings gehen die Arrangements von Carbonara und McLean kaum über das Singen und Spielen des Stückes im Kanon hinaus – der Song hätte daher auch in den 1960er Jahren bereits so oder ähnlich erklingen können.

* * *

Zusammenfassend ist zu erkennen, dass die Musik und die weitere Klanggestaltung in Mad Men für Matthew Weiner und sein Team von großer Bedeutung waren. Weniger wichtig für die Darstellung der 1960er Jahre war ihnen allerdings wohl, ob die diegetische Musik damals tatsächlich erklungen ist oder lediglich so hätte erklingen können. Auch die anderen hier untersuchten Kategorien des Sounddesign waren für die Produktion und die damit verbundene Gestaltung der Zeit relevant. Aus der Betrachtung der Anachronismen im Sounddesign von Mad Men lässt sich folglich ableiten, dass Matthew Weiner bemüht war, in allen drei hier behandelten Kategorien möglichst präzise auf die Zeit zu verweisen, in der die Handlung spielt. Auch wenn einzelne Elemente nicht gänzlich historisch korrekt auftreten, sind in Mad Men sowohl Geräusche als auch Sprache und Musik integrale Bestandteile der Darstellung der 1960er Jahre.

 

Nachweise

[1] Gwynne Watkins, 18 Mad Men Anachronisms, 2013.

[2] Benji Wilson, Mad Men: the story so far, 2015.

[3] Gwynne Watkins, 18 Mad Men Anachronisms, 2013; James Hunt, 15 Annoying Mistakes You Never Noticed In Mad Men, 2015.

[4] Deborah Lipp, IBM Selectric Anachronism, 2008.

[5] Kobi Benezri, ›Mad Men‹-ese, 2010.

[6] James Hibberd, ›Mad Men‹ changes premiere song after critics complain, 2012.

[7] Mad Men – Babylon. Full Cast & Crew (IMDb).

[8] American Pie by Don McLean (Songfacts).

 

Literatur

American Pie by Don McLean, in: Songfacts, <www.songfacts.com/detail.php?id=1193> (Abruf am 10. Februar 2018).

Benezri, Kobi: ›Mad Men‹-ese, in: The New York Times, 21. Juli 2010, <www.nytimes.com/2010/07/25/magazine/25FOB-onlanguage-t.html> (Abruf am 10. Februar 2018).

Hibberd, James: ›Mad Men‹ changes premiere song after critics complain, in: Entertainment Weekly, 19. März 2012, <www.ew.com/article/2012/03/19/mad-men-song-change> (Abruf am 10. Februar 2018).

Hunt, James: 15 Annoying Mistakes You Never Noticed In Mad Men, in: WhatCulture, 13. Mai 2015, <http://whatculture.com/tv/15-annoying-mistakes-you-never-noticed-in-mad-men> (Abruf am 10. Februar 2018).

Lipp, Deborah: IBM Selectric Anachronism, in: Basket of Kisses. Smart Discussion About Smart Television, 15. Juli 2008, <www.lippsisters.com/2008/07/15/ibm-selectric-anachronism> (Abruf am 10. Februar 2018).

Mad Men – Babylon. Full Cast & Crew, in: IMDb, <www.imdb.com/title/tt1042049/fullcredits> (Abruf am 10. Februar 2018).

Watkins, Gwynne: 18 Mad Men Anachronisms Spotted by the Internet, in: Vulture, 5. April 2013, <www.vulture.com/2013/04/18-mad-men-anachronisms-spotted-by-the- internet.html> (Abruf am 10. Februar 2018).

Wilson, Benji: Mad Men: the story so far, in: The Telegraph, 9. April 2015, <www.telegraph.co.uk/culture/tvandradio/11506561/Mad-Men-the-story-so-far.html> (Abruf am 10. Februar 2018).

 


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